"So lange ich zurückblicken kann, habe ich unter dem vielen Elend, das
ich in der Welt sah, gelitten. Unbefangene, jugendliche Lebensfreude habe
ich eigentlich nie gekannt und glaube, dass es vielen Kindern ebenso
ergeht, wenn sie auch äußerlich ganz froh und ganz sorglos scheinen.
Insbesondere litt ich darunter, dass die armen Tiere so viel Schmerz
und Not auszustehen haben. Der Anblick eines alten, hinkenden Pferdes, das
ein Mann hinter sich herzerrte, während ein anderer mit einem Stecken auf
es einschlug – es wurde nach Kolmar ins Schlachthaus getrieben -, hat mich
wochenlang verfolgt. Ganz unfassbar erschien mir – dies war schon, ehe ich
in die Schule ging -, dass ich in meinem Abendgebet nur für Menschen beten
sollte. Darum betete ich heimlich ein von mir selbst verfasstes
Zusatzgebet. Es lautete: "Lieber Gott, schütze und segne alles, was atmet,
bewahre es vor allem Übel, und lass es ruhig schlafen!"
Einen tiefen Eindruck machte mir ein Erlebnis aus meinem siebenten oder
achten Jahr. Heinrich Bräsch und ich hatten uns Schleudern aus
Gummischnüren gemacht, mit denen man kleine Steine schleuderte. Es war im
Frühjahr in der Passionszeit. An einem Sonntagmorgen sagte er zu mir:
"Komm, jetzt gehen wir in den Rehberg und schießen Vögel!"
Dieser Vorschlag war mir schrecklich, aber ich wagte nicht zu
widersprechen, aus Angst, er könne mich auslachen.
So kamen wir in die Nähe eines kahlen Baumes, auf dem die Vögel, ohne
sich vor uns zu fürchten, lieblich in den Morgen hinaus sangen.
Sich wie ein jagender Indianer duckend legte mein Begleiter einen
Kiesel in das Leder seiner Schleuder und spannte dieselbe. Seinem
gebieterischen Blick gehorchend tat ich unter furchtbaren Gewissensbissen
dasselbe, mir fest gelobend, daneben zu schießen.
In demselben Augenblicke fingen die Kirchenglocken an, in den
Sonnenschein und den Gesang der Vögel hineinzuläuten… Für mich war es eine
Stimme aus dem Himmel. Ich tat die Schleuder weg, scheuchte die Vögel auf,
dass sie wegfliegen und vor der Schleuder meines Begleiters sicher waren,
und floh nach Hause.
Und immer wieder, wenn die Glocken in der Passionszeit in Sonnenschein
und kahle Bäume hinausklingen, denke ich ergriffen und dankbar daran, wie
sie mir damals das Gebot: "Du sollst nicht töten!" ins Herz geläutet
haben.
Von jenem Tage an habe ich gewagt, mich von der Menschenfurcht zu
befreien. Wo meine innerste Überzeugung mit im Spiele war, gab ich jetzt
auf die Meinung anderer weniger als vorher."
Es gibt vielerlei plausible Gründe, - wir haben einige davon gehört -,
warum Bauer, Arzt, Zirkusdirektor so handeln müssen wie sie müssen. Warum
Wild geschossen und der Fuchs gehetzt werden muss. Wie grundlegend
Tierversuche zur Entwicklung neuer Medikamente für den Menschen sein mögen
oder die industrielle Verarbeitung des Massenproduktes Tier zur Ernährung
der Weltbevölkerung leider, leider nicht zu vermeiden ist. – Um noch ein
weiteres Stück in Zynismus abzugleiten, könnte ich hinzufügen, dass bei
der sich ausbreitenden Menschheit eben nicht mehr so viel Platz auf der
Erde ist für die bisher gekannte Artenvielfalt, dass aber die Natur
schließlich immer gewusst hat, sich zu helfen. Über alle diese Fragen
lässt sich trefflich streiten und wird auch gestritten. Doch sind alle
diese Diskussionen, gleich mit welchen Argumenten sie geführt werden, und
gleich (sogar), auf welcher Seite wir dabei stehen, von einer zum Himmel
schreienden Armseligkeit, wenn nämlich wir dabei die uns allen
innewohnende Menschlichkeit verleugnen.
Die formuliert Albert Schweitzer in der Erinnerung an sein
Kindheitsgewissen, welches er sich sein Leben lang bewahrt hat. Dass er
den Schmerz eines alten Pferdes sieht, das zum Schlachthaus getrieben
wird, und es einfach nicht aushält!
Versuchen Sie mal, in eine Versuchsanstalt zu gehen, meinetwegen hier
um die Ecke in Barsbüttel-Willinghusen, und sagen: Ich will mir das mal
angucken! Sie werden nicht hineinkommen: Denn solche Konzentrationslager
sind in unserem Lande Sperrgebiet, top secret. Machen Sie einmal eine
Besichtigung in einer Eierfabrik. Sperrgebiet. Die Stätten der
Tierquälerei und des Massenmordes an Gottes eigenen Geschöpfen werden
versteckt, - aus gutem Grund. Wären sie nämlich jedem frei zugänglich,
wäre es uns erlaubt, zum Beispiel am Kindergeburtstag einen Ausflug (nicht
zu MacDonalds oder ins Hallenbad, sondern) an solche Stätten des
tierischen Todes zu unternehmen, um sie unseren Kindern zu zeigen, dann
wäre nämlich sofort unser aller Kindergewissen aktiv und würde unmöglich
machen, was uns selbstverständlich geworden ist.
Hören wir die Kirchenglocken, wie Albert Schweitzer sie in Kindertagen
gehört hat, als Stimme aus dem Himmel, die sagt: Du sollst nicht töten!
Und: Du sollst nicht wegsehen!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschlichen Gedanken,
stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne, in Jesus Christus. Amen.
2) Ansprache im Gottesdienst mit Haustieren am 16. Mai 2005 um
11.00 Uhr in der St. Johanniskirche Altona (Von Herrn Propst Dr. Horst
Gorski)
Gen 1, 20-25 i.A., Gen 2, 19 und Römer 8, 21f
Die Bibel erzählt, wie Menschen sich vor Jahrhunderten die
Erschaffung der Tiere vorstellten:
Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und
Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. Und Gott
sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner
Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und
es geschah so. Und Gott sah, dass es gut war.
Und Gott, der Herr, brachte alle Tiere zu dem Menschen, dass er sähe,
wie er sie nennen sollte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde,
so sollte es heißen.
Die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der
Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir
wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt
und sich ängstet.
Die Tiere sind unsere Mitgeschöpfe. Wer die Bibel liest, kann zu gar
keinem anderen Schluss kommen. Nacheinander wird die Erschaffung von
Himmel und Erde berichtet, von Wasser und Luft, von Pflanzen, Tieren und
Menschen. Natürlich in der Weise, wie man sich die Entstehung der Welt
vor etwa 3500 Jahren vorstellte. Wir teilen heute nicht mehr das
damalige Weltbild, wir wissen, dass die Entstehung der Welt anders vor
sich ging. Aber die theologischen Aussagen dieser alten
Schöpfungsgeschichten bleiben trotzdem gültig: nämlich, Gott hat sich
jedem Teil seiner Schöpfung mit gleicher Liebe und Sorgfalt zugewandt.
Es gibt keine "Stiefkinder" der Schöpfung. Alle der Teile der Schöpfung
leben von der Würde, die Gott ihnen gegeben hat.
Wie gesagt, eigentlich kann man zu gar keinem anderen Schluss kommen,
wenn man die Bibel liest.
Und trotzdem hat es lange gebraucht, bis diese Erkenntnis sich
durchgesetzt hat. Zu stark war die Tradition, nach der es eine
Zwei-Klassen-Schöpfung gab: Der Mensch, der sich selbst "Krone der
Schöpfung" nannte - und dann der Rest. Und dieser Rest diente dem
Menschen zum Leben, konnte vom Menschen nach belieben gestaltet,
ausgebeutet, gequält oder getötet werden. In dem Wort "Mitgeschöpfe"
jedoch ist eine andere Sicht enthalten: dass alle Geschöpfe hinsichtlich
ihrer Würde vor Gott auf einer Stufe stehen.
Die kleine Szene, wie der Mensch den Tieren ihre Namen geben soll,
sagt auch etwas über den Auftrag an den Menschen, sich um die Tiere zu
kümmern, sie zu schützen. Denn jemandem einen Namen geben: das heißt
doch, ein persönliches Verhältnis aufbauen und damit Verantwortung
übernehmen. So wie Eltern ihrem Kind einen Namen geben. Damit wird ein
Band der Verantwortung zwischen zwei Geschöpfen geschaffen.
Oder abstrakt gesagt: Wir brauchen den Wechsel von einem
anthropozentrischen zu einem biozentrischen Weltbild. D.h. nicht der
Mensch allein steht im Zentrum, sondern das ganze "bios" alles "Leben"
steht im Zentrum. Das wäre eine richtige Revolution, wenn dieser Wechsel
möglich wäre. Dann würde sich das Verhältnis des Menschen zu den Tieren
und zur ganzen Schöpfung grundsätzlich wandeln. Die Tiere wären dann
keine Verfügungsmasse mehr, mit der der Mensch schalten und walten kann,
wie er will, sondern sie wären seine Schwestern und Brüder, mit denen er
gemeinsam den Schöpfer loben würde.
Gott schuf alle Lebewesen und ordnete sie einander in Verantwortung
zu. "Und Gott sah, dass es gut war."
Diese Mitgeschöpflichkeit würde den Alltag verändern. Wir erleben
nach wie vor, dass die Rechte der Tiere mit Füßen getreten werden.
Obwohl der Tierschutz vor 2 Jahren sogar in die Verfassung aufgenommen
wurde, hat sich in der Praxis wenig verändert. Tierversuche und der
Umgang mit Schlachtvieh sind nach wie vor "unmenschlich" - wenn man das
denn so ausdrücken kann. In unserer Stadt ist das Klima für Tiere seit
unserem letzten Gottesdienst vor einem Jahr nicht besser geworden.
Mitgeschöpflichkeit hieße: in unserer Stadt wird für Menschen und Tiere
gesorgt. Jedes Kind, jeder Erwachsene muss ungefährdet von Tieren aller
Art sich auf der Straße oder in Parks bewegen können. Wir wenden uns
entschieden gegen verantwortungslose Tierhalter, die ihre Tiere zu
Waffen erziehen oder durch falsche Behandlung krank oder gefährlich
machen. Aber auch jedes Tier muss Raum für seine artgerechte Haltung
haben. Genereller Leinenzwang ist nur eine populistische Maßnahme, die
mehr Probleme schafft als sie löst. Auslauf, spielen, schnuppern - dafür
muss in unserer grünen Stadt Raum sein.
Allerdings, Gott hat kein "Disneyland" geschaffen. Gegen eine solche
Banalisierung der Schöpfung wenden wir uns auch. Es ist nicht nur das
Fehlverhalten des Menschen, das Leid in die Schöpfung bringt. Tiere
jagen einander, Tiere fressen einander, Tiere kämpfen um Nahrung und
Lebensraum, Tiere leiden unter Kälte und Hitze, Hunger und Durst. Die
Schöpfung ist kein Disneyland mit Cola-Verkaufsständen für durstige
Tiere in der Steppe.
Die Schöpfung seufzt sich nach Erlösung, wie Paulus schreibt. Nicht
nur nach mehr Verantwortung des Menschen, sondern insgesamt nach
Erlösung. Es ist wichtig, wie Paulus das ausdrückt: Denn wir wissen,
dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und
sich ängstet. Da ist wieder dieses "mit". Diese Solidarität zwischen
allen Geschöpfen. Keine Zwei-Klassen-Schöpfung, in der einige weniger zu
seufzen brauchen als die anderen. Mensch und Tier warten gemeinsam auf
die Erlösung. Und solange sind sie aneinander verwiesen von Gott, in
Verantwortung vor ihrem Schöpfer.
Lassen Sie uns gemeinsam für die Mitgeschöpflichkeit eintreten. Zu
jedem seiner Schöpfungswerke heißt es in der Bibel: "Und Gott sah, dass
es gut war." Er sah die Tiere an und sah, dass es gut war. Er sah die
Menschen an und sah, dass es gut war. Wir sind aufgerufen, diesen
Schöpfungsauftrag einzulösen und miteinander so zu leben, dass Gott auch
zu unseren Zeiten uns ansehen und sagen kann: Es ist gut. Amen.
Tiersegnung
Gott segne die Tiere als unsere Mitgeschöpfe.
Er schenke ihnen, was sie nach ihrer Art brauchen.
Er bewahre sie vor Schmerz und allem, was ihrer Art widerspricht.
Gottes Segen komme über euch und bleibe bei euch.
Gottes Erbarmen senke sich auf alle, die gequält werden und Not
leiden,
Mensch und Tier.
Gottes Güte schaffe sich Raum für alle, die er geschaffen hat.
Im Namen Jesu, der zum Heil für die Welt gekommen ist,
im Namen des Heiligen Geistes, der das Band der Liebe
zwischen den Geschöpfen ist.
Amen.
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Tierpredigt vom 24.Juli 2005 von Pastor Holger Janke in
Hamburg-Langenfelde:
Predigt:
"Der Mensch ist des Menschen Wolf. Tiersymbole im Wandel der Zeit."
In der Bibel und im Gesangbuch finden wir reichlich Texte und Lieder, in
denen das Miteinander von Mensch und Tier beschrieben bzw. besungen wird. Beide
Gattungen sind Geschöpfe Gottes! Der Mensch erkennt dieses und singt dankbar
Gott seine Loblieder über das Vorgefundene und über
dieses schöne Gefühl, in Harmonie zu leben: in Eintracht mit der Gesamten
Schöpfung. "Herr, deine Güte reicht soweit der Himmel ist.. du hilfst
Menschen und Tieren" in Ps. 36) oder im Lied (EG 501) "Wie lieblich ist der
Maien aus lauter Gottes Güt, des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und
blüht. Die Tiere sieht man springen... Die Vöglein hört man singen... die loben
Gott mit Freund'.
Das ist die göttliche Harmonie des Lebens! Jede und jeder hat einen eigenen
Platz im großen Konzert. Auch die Kleinsten haben ihre Aufgaben: "Kein
Tierlein ist auf Erden, dir lieber Gott zu klein" (EG 509). Und wer jetzt
denkt: "Naja, das ist halt Clemens Brentano und Romantik pur", dem sei das
Jesuswort "Vom verlorenen Schaf' (Mt. 18) in Erinnerung gerufen: "Seht zu,
dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch - ihre
Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel''
Brentano ist also kein romantischer Schwärmer, sondern er drückt eine
Harmonie des Lebens bzw. der Schöpfung aus, die auch in der Bibel in den Worten
Jesu zu finden ist. Diese Harmonie des Lebens ist gegenwärtig und erlebbar. Sie
ist ein spirituelles Erlebnis des tiefen Friedens für die Seele: Nichts
trennt mich mehr von Gott und seiner Schöpfung. Ich bin eins mit Gott und Natur!
Die Lebensharmonie findet ihren Zielpunkt in den Prophetenworten des Jesaja
(Kap. 11): "Der Messias kommt in die Weit, auf ihm ruht der Geist Gottes...
Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein... Dann werden die Wölfe bei den
Lämmern liegen... Man wird nirgends Sünde tun und das Land wird voll Erkenntnis
des HERRN sein."
Hier ist Gott noch der HERR und der Wolf noch Wolf, liebe Gemeinde! Gott ist
der Allmächtige, Schöpfer des Himmels und der Erde, und der Wolf ein Tier, das
jagt und nur soviel erlegt, wie es zum Überleben braucht. Voller Respekt wird
hier über das wilde Tier gesprochen und über Gott, der dieses alles geschaffen
hat.
Es gehört zu den Ereignissen der Menschheitsgeschichte, dass der Mensch seine
Angst und seine Gefühle in Bildern bzw. Symbolen ausdrückt.
Die oben besungene Harmonie des Lebens wird oft durch den Menschen selbst
zerstört. Diese Gefährlichkeit des Menschen drückte sich dann in der Weisheit
aus: "Der Mensch ist des Menschen Wolf'.
Das ist eine Rufschädigung für den Wolf. Denn der Wolf handelt seinem
Schöpfungsauftrag gemäß. Er jagt nicht aus Erlebnis- und Abenteuersucht oder gar
aus wirtschaftlichen Gründen! Er ist ein Teil des Ganzen, von Gott so geschaffen
und von Gott, so wie er ist, "für gut" befunden.
Es geht in der Volksweisheit "Der Mensch ist des Menschen Wolf" um den
Menschen und sein Verhalten. Der Mensch ist der Adressat! Es geht um Neid,
Eifersucht, Mord und Krieg! "Der Mensch ist des Menschen Wolf" 'fasst den
Unfrieden des Menschen in diesem "Mörderbild" zusammen. Es hat nichts mit den
Wolf zu tun, sondern ist eine Übertragung des Menschen auf das Tier.
Das Bild bzw. Symbol ist der Realität fern. Es gibt nur wenige reale
Anknüpfungspunkte und mehr Phantasien bzw. Träume des Menschen: Der Adler z.B.
steht für die Freiheit (Bundesadler), die Schlange für die Klugheit (Sündenfall
und Äskulapstab) und der Wolf für die Gefährlichkeit (siehe unser Sprichwort
oder Märchen), aber auch für das soziale Handeln (Die römische Legende über die
Wölfin, die das ausgesetzte Kind aufnahm und säugte). Alle Symbole unterliegen
aber auch einer Veränderung in der Auffassung. Sie sind weit entfernt von der
ursprünglichen Erfahrung des Menschen mit diesen Tieren, sondern mehr Träger
menschlicher Vorstellungen und Bilder menschlichen Denkens und Fühlens.
Außerdem unterliegen sie noch der geistes- und weltgeschichtlichen
Veränderung. "Der Mensch ist des Menschen Wolf'" hätte z.B. kein Mensch der
Neuzeit formuliert. Nicht weil es in der Zeit keine Morde oder Kriege gegeben
hätte, sondern weil der Wolf aus dem Lebenshorizont des Menschen verschwunden
war. Es herrschte Industrialisierung und der Mensch sah sich mehr konfrontiert
mit der Last, aber auch dem Traum der Maschinen.
Hier entwickelt sich die menschliche Phantasie "Alles ist machbar"! Diese
Symbol ist bis in unsere Zeit aktuell. Wer kennt nicht den Film mit Charlie
Chaplin, wie er mit dem großen Werkzeugschlüssel durch riesig große
Maschinenräder transportiert wird? Wer kennt nicht Julius Verne Reisen mit einem
Unterseeboot oder wie in einigen Science-Fiktion-Romanen durch den menschlichen
Körper. Selbst die menschliche Idee, Gott sei nur ein riesiger Computer, fußt in
der Gedanken- und Erlebniswelt der Industrialisierung.
Hier wird deutlich, dass die Erfindung der Maschine die Menschen
grundsätzlich sehr verändert hat. Der Mensch ist nicht mehr Teil der Schöpfung,
sondern nun wächst die Phantasie ins Unermessliche, dass der Mensch der wahre
Schöpfer ist.
Es ist der Prozess der Säkularisierung. Gott wird in den Himmel abgeschoben
und der Mensch übernimmt das Ruder des Weltgeschehens. Dabei verliert er die
Beziehung zu Gott, zur Natur, zu den Tieren und zu sich selbst!
Mit der sogenannten "Aufklärung" und der Industrialisierung ist die Umgebung
und damit auch die Erfahrungswelt des Menschen so grundsätzlich verändert, dass
die alte Symbolik oft nicht mehr in ihrer Bedeutung verständlich ist. Wenn z.B.
"Die bunte Palette der Vielfalt Gottes" beschreiben wird, denken nur noch wenige
an Malerei mit Farben und Staffel. Die meisten denken an Transport, Lagerung und
Baustelle, weil "die Palette" in jedem Baumarkt zu finden ist. Einige denken
auch an Einkaufen, denn in einigen Supermärkten gibt's ja auch alles von der
Palette.
Das Problem sind die von den heutigen Alltagserfahrungen losgelösten Symbole,
die ihren eigentlichen Bezug zum Leben verlieren. Sie werden rückwirkend neu
definiert! Am Beispiel des Wolfes versuche ich einmal diese Entwicklung
aufzuzeigen:
Die alltägliche Erfahrung des Nomaden, dass ein Wolf auch Lämmer reißt, gibt
es nicht mehr beim sesshaft gewordenen Menschen. Der urbane Mensch hatte immer
weniger bis später gar keinen Kontakt mehr zu den Wölfen. Das Sprichwort "Der
Mensch ist des Menschen Wolf" gab es aber noch!
Nun füllt sich das Sprichwort mit den Erfahrungen der Neuzeit; rückwirkend
sozusagen (ähnlich wie bei Beispiel der Palette). Beim Wolf ist es aber, da der
Kontakt fehlt, ein Bild der Projektion: Er ist wie der Mensch; blutrünstig,
gierig, hinterlistig, bösartig (vgl. Märchen).
Der Wolf wurde also vermenschlicht! Die Beschreibung des Schlechten beim
Menschen aus dem Sprichwort "Der Mensch ist des Menschen Wolf'" übertrug sich
auf den Wolf. Plötzlich ist das Tier der hinterlistige, blutrünstige Gesell.
Und dieses projektierte Menschenbild auf den Wolf führt zum Hass und zur
Aggression gegen das Tier. Der Wolf wird zum Sündenbock und muss anderer Lasten
tragen. Das gipfelt in gnadenlose Jagdveranstaltungen, die den Wolf als
Tiergattung fast ausgerottet hätten.
Erst in jüngster Zeit wurde der Wolf rehabilitiert. Mutige
WissenschaftlerInnen zeigten uns, wie der Wolf wirklich ist - ohne menschliche
Übertragungen und Phantasien. Sie stellten fest, dass der Wolf sich sehr sozial
verhält. Er ist treu und wichtig für die Wildnis. Voller Ehrfurcht und
Faszination berichten sie von Erlebnissen mit den Wölfen.
Das liest sich dann ganz anders! Mehr wieder wie eine Lobhymne auf die
Schöpfung mit ihrer Vielfalt und Faszination.
Im Miteinander, in der Vertiefung der Beziehung zwischen Mensch und Tier,
erlebt der Mensch (bzw. der Wissenschaftler) oft ein Aha-Erlebnis: Der Wolf ist
gar nicht so fremd, so brutal, so hinterlistig, wie "man" immer dachte. Er hat
Erfahrungen des Denkens und des Fühlens. Er ist ein Lebewesen mit Erlebnissen
von Angst und Leid, Freude und Liebe. Wenn wir den neuen (alten) Erkenntnissen
Glauben schenken, dann ist das Tier (der Wolf genauso wie der Affe, die Katze
oder der Hund) gar nicht soweit von uns Menschen entfernt, wie wir immer in
unser säkularisierten Entfremdung dachten. Es gibt biologisch, psychologisch und
theologisch mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede!
Mensch und Tier sind Geschöpfe Gottes, sie atmen (nicht nur die Luft, sondern
auch den Odem Gottes). Sie können sich verständigen und freuen, müssen aber auch
leiden unter den Verhältnissen dieser Welt (als gefallene Schöpfung).
Das angekündigte Friedensreich Gottes des Propheten Jesaja ist also das Ziel
von Mensch und Tier, gemeinsam sind wir dorthin unterwegs. Mensch und Tier haben
ihren Sitz im Leben der Schöpfung von Gott zugewiesen bekommen. Gott hat für
jeden von uns einen Weg!
Uns Christinnen und Christen hat Gott in Jesus diesen Weg beschrieben: "Geht
hin zu den verlorenen Schafen. Geht und sprecht: Das Himmelreich ist nahe
herbeigekommen... Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe" (Mt.
10). Jesus verwendet hierbei (als Nomade) die Tiersymbolik!
Jesus meint (ich versuche die Übertragung in unsere heutige Zeit):
Ich sende euch als Tierrechtler mitten in eine Tier verachtenden
Gesellschaft.
Ich sende euch als Licht mitten in die Finsternis.
Ich sende euch als Christen mitten unter Andersgläubige.
Ich sende euch als Lebensharmonie mitten in die Dissonanz dieser Welt.
Damit ist der Wolf wieder Wolf.
Das Tier wieder geachtet als Geschöpf Gottes und geschützt vor dem Hass des
Menschen als Sündenbock. Und der Mensch muss weiter lernen, Verantwortung zu
tragen für die Schöpfung Gottes gemäß seinem Auftrag der Bewahrung und Pflege.
Er darf allerdings schon jetzt als erlöste Christin und erlöster Christ fröhlich
einstimmen in die große, göttliche Lebensmelodie!
Das erfreut Gott und die Tiere.
Amen.
Kollektengebet:
Wir sagen Dir Dank, gnädiger Gott, für die Schönheit Deiner Erde, für den
Himmel, das Land und das Meer.
Wir sagen Dir Dank, Herr, für die Vögel des Himmels, die Fische in den Meeren
und Flüssen, für die ganze Tierwelt, die sich auf Erden regt.
Für all diese guten Gaben loben wir Dich und bitten, dass wir sie schützen
mögen, um ihrer selbst willen, aber auch für uns und die, die nach uns kommen.
Hilf uns, dass unsere Dankbarkeit wächst für deine reiche Schöpfung und die
Ehrfurcht vor Deinen Geschöpfen. Lasse uns einstimmen in das große Konzert des
Lebens, Dir zur Ehre und zum Lobpreis Deines Namens. Darum bitte ich Dich im
Namen Jesu Christi, Deinem Sohn von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.
Fürbitten:
Allmächtiger Gott, Du hast uns Menschen seit der Erschaffung der Weit die
ganze Schöpfung anvertraut. Wir sind Fürsprecher für alle Lebewesen. Wir müssen
uns aber fragen lassen, ob wir Deinem Auftrag durch die Jahrtausende gedient
haben? Haben wir nicht zum Beispiel unsere Mitgeschöpfe, die Tiere,
millionenfach ausgerottet, vermarktet oder ganz einfach vergessen?
Ich bitte Dich für diese vielen Tier- und Pflanzenarten, die Tag für Tag von
dieser Erde verschwinden, weil wir Menschen ihnen keinen Platz mehr zum Leben
lassen. Schenke Du ihnen Platz!
Allmächtiger Gott, allzu oft haben wir unseren menschlichen Verstand, unsere
schöpferischen Fähigkeiten eher für die Vernichtung als für die Bewahrung der
Schöpfung eingesetzt. Dabei wissen wir genau, dass mit der Natur und mit den
Tieren auch wir Menschen uns selbst töten!
Ich bitte Dich für uns. Lasse uns Menschen lernen, unser Leben so zu
gestalten, dass deine wunderbare Schöpfung so weit noch möglich bewahrt werden
kann. Hilf uns und schenke uns Deinen Geist des Lebens!
Barmherziger Gott, schenke uns Mut und Kraft zur Umkehr! Lasse uns in unserer
Hoffnungslosigkeit auf Dich hoffen. Lasse uns bedenken, dass es einmal Dein
unbestechliches Urteil über uns Menschen geben wird.
Gemeinsam mit allen Deinen Geschöpfen warten wir auf den Tag, an dem unsere
Sehnsucht nach Erlösung zum Ziel kommt; dann, wenn Menschen und Tiere in Deinem
Friedensreich vereint sind.
Amen.
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Gottesdienst vom 20.08.2005 mit Pastor Holger Janke in Markgrafpieske
Tierherberge "Rendez-vous mit Tieren" von Pro Animale e. V.
Begrüßung: (Holger Janke, Hamburg)
Psalm 36:
"Wie köstlich ist deine Güte, Gott!
Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes
und dein Recht wie die große Tiefe.
Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht."
(Ps. 36,6-10)
Gedanken zum Mitdenken: Ps 36, 7b: "Herr, du hilfst Menschen und Tieren"
Liebe Gäste und liebe Familie Wothke!
Auch wenn die Tiere in der gängigen Theologie und in den Kirchen der
Gegenwart wenig bedacht werden, so liegt es weniger an der Tatsache, dass Gott
sie nicht beachten würde, sondern an der allgemeinen Säkularisierung, die immer
weniger Gott ernst nimmt bzw. ihn als Schöpfungsgeist anerkennt. Diese
Entwicklung macht leider auch vor der christlichen Kirche nicht halt!
Wie schön ist es deshalb zu sehen, dass Menschen entschieden für diese
Einheit von Mensch und Tier leben und arbeiten. Sie realisieren damit den
Anspruch Gottes, wie er sich schon im alten Psalm 36 artikuliert: "Herr, du
hilfst Menschen und Tieren."
Ihr Haus "Rendez-vous" ist für mich ein gutes Beispiel für dieses Versprechen
Gottes und für ein würdevolles Miteinander von Mensch und Tier.
"Herr, du hilfst Menschen und Tieren."
Dieser Zuspruch zeigt die Gnade des Schöpfers seinen Geschöpfen gegenüber: es
ist die Gnade pro homine, dem Menschen gegenüber, aber auch pro
animale, den Tieren gegenüber.
Es ist kein Zufall, dass das Wort "animale" das andere Wort "anima"
beherbergt, was theologisch übersetzt "Seele, Hauch Gottes" oder allgemein "das
Leben" bedeutet. Tiere, animale, besitzen genauso wie wir Menschen eine anima,
eine Seele bzw. den Lebenshauch des Schöpfers. Keiner von uns existiert ohne
diesen Hauch Gottes!
Die anima ist der Verbindungsschlüssel und die Seelenverwandtschaft zwischen
Menschen und Tieren. Wir sind alle Lebewesen, ausgestattet mit Gefühlen,
Denkstrukturen und einer Sprache, auch wenn sie verschieden ausgeprägt ist (man
denke an die Kommunikationsmöglichkeiten der Wale oder der Hunde oder auch der
Vögel).
"Herr, du hilfst Menschen und Tieren."
Das ist eine Gleichberechtigung der Geschöpfe vor Gott und eine
Fürsorgepflicht des Menschen als "Krone der Schöpfung".
Leider wird diese Fürsorgepflicht missachtet, und die Schöpfung diktatorisch
geknechtet durch eine Willkürherrschaft, die sich einer Verantwortung für die
"Untertanen" (vgl. Gen. 1,28) verschließt. Das führt zum Verrat an den Tieren
(und zur Vernichtung von Flora und Fauna)!
Umso hoffnungsvoller empfinden es unsere geschundenen Seelen, und umso
wichtiger ist es für den Protest gegen dieses sündhafte, gottlose Verhalten der
Menschen, dass es "diesen Ort" gibt:
Ein Haus für Mensch und Tier
(ich betone extra auch den Menschen, weil ich der festen Überzeugung bin,
dass auch der Mensch erkrankt an der Missachtung der Schöpfungsordnung)!
Ich empfinde diesen Ort, dieses Haus Pro Animale, als ein Stück
"Himmel auf Erden".
Hier ist der Einklang der Schöpfung zu vernehmen und hier ist die Eintracht
zwischen den Geschöpfen zu erleben! Hier ist ohne Worte wahrzunehmen, was mit
der "Harmonie des Lebens" gemeint ist!
Im Rendez-vous zwischen Menschen und Tieren, zwischen Geschöpfen und ihrem
Schöpfer tankt die Seele auf - die der Tiere und die des Menschen. (Ich glaube,
dass können Sie, liebe Familie Wothke, die tagtäglich mit den Tieren beschäftigt
sind, bestätigen).
Unsere Anima, unser göttlicher Kern, ist vernetzt mit den Seelen der anderen
Geschöpfe, auch wenn sie nicht unsere Sprache sprechen. Wir sind seelenverwandt!
Und darum heißt "pro animale" nicht nur "für Tiere", sondern ist eine
Umschreibung für den gesamten Lebenszusammenhang der Schöpfung Gottes - für den
Einklang mit dem Leben, d.h. letztendlich mit Gott selber. Wer in Pro Animale
das pro anima entdeckt, der entdeckt - theologisch formuliert - das "ewige
Leben!"
Ein Haus, wie dieses, ist m.E. die Realisierung des Versprechens Gottes, wie
es im Psalm 36 formuliert ist: "Herr, du hilfst Menschen und Tieren."
Ich danke allen Beteiligten, Aktiven und Engagierten für diesen "Himmel auf
Erden" und freue mich über diese Möglichkeit des Rendez-vous zwischen den
Geschöpfen, und ich bin mir sicher: Gott freut sich auch!
Amen
Lied: EG 504: Himmel, Erde, Luft und Meer
Vaterunser
Segen
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